«Die Herausforderungen des digitalen Wandels für nachhaltiges Wachstum aktiv gestalten.»

Andreas Mölich, Senior Manager

News Monitor

«Mit SBTi unterstreichen Firmen ihr Engagement glaubwürdig»

NZZ Beilage. Ihre berufliche Karriere haben Sie vor 30 Jahren als Ingenieur in Angriff genommen, als Country Managing Director von ABB Schweiz sind Sie heute vor allem mit Führungsaufgaben beschäftigt. Wäre das Thema Nachhaltigkeit für den Ingenieur nicht weit spannender als für den Manager?
Robert Itschner: Für den Ingenieur findet die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitslösungen und Klimazielen oftmals auf einer  praxisbezogeneren Ebene statt, als sie dies tut, wenn man im Management tätig ist. Ich für meinen Teil darf aber behaupten, dass mich
technologische Aspekte grundsätzlich interessieren, egal, ob als Ingenieur oder als Manager.


Ein Interesse unabhängig der Funktion
also.
Ich denke, die Gegenwart hält genügend Herausforderungen für sämtliche Branchen, Berufsrichtungen und Positionen bereit. In meiner Funktion als SchweizChef sehe ich mich deshalb ganz besonders in der Pflicht, Informationen an Mitarbeitende, Partner und Kunden zu vermitteln, was wir als Unternehmen konkret im Bereich der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes bisher getan haben, aktuell tun und in Zukunft tun wollen.


Womit wir bereits beim Thema wären: SBTi. ABB war eines der ersten grossen Unternehmen in der Schweiz, das sich der Science Based Targets initiative angeschlossen hat. Was ist SBTi konkret?
Bei SBTi handelt es sich um eine weltweit standardisierte und in Expertenkreisen breit anerkannte Methode zur
Festlegung von Klimazielen. Mit dem United Nations Global Compact, dem vormaligen Carbon Disclosure Project
CDP, dem World Resources Institute und dem WWF stehen renommierte und vor allem unabhängige Institutionen hinter
der Science Based Targets initiative. Inzwischen gilt diese als globaler Standard für Unternehmen hinsichtlich der Reduktion von Treibhausgasemissionen.


Und wie schlägt sich diese globale Initiative in der kleinen Schweiz nieder?
Hierzulande haben economiesuisse, der Dachverband der Wirtschaft, und WWF Schweiz in diesem Frühjahr gemeinsam
die Förderung der SBTi angestossen. Das Projekt wird vom Verein Go for Impact getragen, in dem neben diesen beiden Organisationen auch das Bundesamt für Umwelt, die ETH Zürich und weitere Wirtschafts- und Umweltverbände vertreten sind.

Mit welchem Ziel?
Wie der Name impliziert, baut die Science Based Targets initiative auf wissenschaftsbasierten Zielen auf. Wenn die Erderwärmung gemäss Pariser
Klimaabkommen nicht über 1,5 Grad hinausgehen soll, darf logischerweise nur eine bestimmte Menge Treibhausgase ausgestossen werden. Die International Energy Agency hat vor diesem Hintergrund für verschiedene Sektoren berechnet, wie schnell die Emissionen sinken müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Darauf basierend kann jedes Unternehmen nach klaren Kriterien und Standards berechnen, wie schnell es seine Emissionen senken muss, damit das Kohlenstoffbudget des eigenen Sektors eingehalten wird. Das Engagement beinhaltet unter anderem Absichtserklärung, Zieldefinition, Validierung und Reporting, aber auch die Kommunikation über den Vollzug.


Das klingt in erster Linie einmal nach weiteren Vor- und Auflagen, denen sich die Firmen zu unterwerfen haben.
SBTi setzt auf Eigenverantwortung und Freiwilligkeit. Die Initiative will klare Anhaltspunkte und praktische Hilfestellung bieten, damit eine Firma ihre ökologischen Ziele eigenverantwortlich, wettbewerbsorientiert und vor allem ohne regulatorische Vorgaben erreichen kann. Auf der anderen Seite hat das entsprechende Unternehmen dank der Offensive die Möglichkeit, ein ganz klares Commitment bezüglich Nachhaltigkeit
abzugeben – SBTi ist einmalig, weltweit gültig und anerkannt.


Sie haben es erwähnt: Die Initiative baut auf Freiwilligkeit. Wie weit her ist es damit in der hiesigen Wirtschaft, gerade, wenn es um ökologische Belange geht?
Schweizer Unternehmen tragen bereits heute massgeblich zum globalen Klimaschutz bei, sei es mit ihren Dienstleistungen und Produkten, sei es aber auch durch das eigene Verhalten. Ich würde sogar behaupten, dass die Wirtschaft diesbezüglich manch anderem Bereich unserer
Gesellschaft einen Schritt voraus ist. Das bestehende Klimaprogramm der Schweizer Wirtschaft im Zuge von Netto-Null erhält nun mit SBTi einfach zusätzlichen Schub. Und was SBTi anbelangt, so haben sich bereits über 80 namhafte Schweizer Unternehmen der Initiative angeschlossen – und es werden laufend mehr.


Unter den Firmen, die sich den wissenschaftlich fundierten Klimazielen gemäss SBTi verschrieben hat, findet sich wie erwähnt auch ABB. Was waren Ihre Beweggründe?
Das Thema Nachhaltigkeit ist ja nicht neu. Wir investieren seit vielen Jahren an allen unseren Standorten in die Energieeffizienz und die Senkung der Emissionen. Dazu gehört beispielsweise die vollständige Umstellung auf einen elektrisch betriebenen Fahrzeugpark, die Einbindung in lokale Holz-FernwärmeNetze oder die Installation geschlossener Energiekreisläufe. Zudem versuchen wir unsere hohen Standards nicht nur in die
eigene Produktion und die eigenen Produkte einfliessen zu lassen, sondern eben auch in die vor- und nachgelagerte Versorgungskette, sprich, wir wollen Zulieferer und Kunden für ökologische Belange sensibilisieren und sie bei der Emissionsreduktion aktiv unterstützen. Ich persönlich sehe SBTi vor diesem Hintergrund weniger als Pflicht, sondern eher als Teil einer klaren Strategie.


Wie meinen Sie das?
Die Initiative per se hat Auswirkung auf unser Denkschema, wonach wir keine noch so geringe Möglichkeit verpassen dürfen, wenn es darum geht, Emissionen zu reduzieren, Ressourcen zu schonen, aber auch Innovationen zu nutzen. Ich sage es einmal so: Bei ABB hat SBTi die Bestrebungen in Richtung Nachhaltigkeit zwar nicht initiiert, sie beschleunigt unsere Bemühungen dahingehend aber ganz klar.


Wo verorten Sie die grössten Hürden mit Blick auf die konkrete Umsetzung der SBTi-Ziele in einem Unternehmen?
Zentral für mich ist das Engagement, der Wille ganz allgemein: Ohne Einsatz geht es nicht. Das bedeutet auch, dass der
Chef vorangehen und für Werte einstehen muss, egal, ob es sich nun um einen Konzern handelt oder ein KMU, das im
Übrigen ebenso willkommen ist bei SBTi wie der Grossbetrieb. Aber ich bin der Überzeugung, dass die Erkenntnis über
die Notwendigkeit des Handelns inzwischen wohl in allen Branchen und Firmen dieses Landes angekommen ist, und klare
Leitlinien, Instrumente oder Hilfestellungen in Richtung Ökologie und Nachhaltigkeit insofern äusserst willkommen sind.


Sie haben sowohl als Chef von ABB Schweiz als auch als Mitglied im Vorstand von economiesuisse Erfahrungen sammeln können mit der Science Based Targets initiative. Wie fallen die Reaktionen der Direktbeteiligten, beispielsweise der Mitarbeitenden, auf die Offensive aus?
Durchwegs positiv. Wie bereits erwähnt, handeln heutzutage die meisten Entscheidungsträger, Partner, Kunden und Mitarbeitenden ganz bewusst ökologisch vertretbar und nachhaltig. Bei ABB Schweiz steht Nachhaltigkeit gar im Zentrum des Unternehmenszwecks und ist
Voraussetzung dafür, entlang der gesamten Wertschöpfungskette Mehrwert für unsere Stakeholder schaffen zu können.


Wissenschaftlich untermauerte Zielvorgaben sind das eine, deren Umsetzung das andere. Und wiederum auf einem ganz anderen Blatt steht, was ein Engagement im Rahmen einer Initiative wie Science Based Targets kostet.
Das ist unterschiedlich, der Preis für die Validierung von wissenschaftsbasierten Klimazielen durch SBTi liegt bei gut 1000 US-Dollar für kleinere Betriebe, grosse Unternehmen bezahlen für die Validierung 14500 US-Dollar. Ich denke, der finanzielle Aufwand ist aber durchaus überschaubar, wenn man sich gleichzeitig den Benefit vor Augen hält.


Der da wäre?
Die Klimaziele stehen logischerweise im Vordergrund. Dies bedingt, dass Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsstrategie konsequent in allen Bereichen der Organisation umsetzen. Solch nachhaltig aufgestellten Firmen, die vielleicht sogar zu den Innovationstreibern gehören,
sind attraktive Arbeitgeber. Das hilft auch bei der Rekrutierung von Fachleuten und Mitarbeitenden. Zudem erleichtert ein entsprechendes Label oder Zertifikat auch den Zugang zum internationalen Markt, zu Innovationen und zu Investitionskapital. Mit wissenschaftsbasierten Klimazielen der SBTi machen Sie sich und Ihr Unternehmen letztlich fit für die Herausforderungen der Zukunft, Sie heben sich von der Konkurrenz ab und zeigen Ihr Engagement im Klimaschutz – ein glaubwürdiges Engagement.


Interview: Flavian Cajacob

Quelle: NZZ Beilage

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