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Erneuerbare Energien gegen Kernenergie ist der falsche Streit

Nuklearforum.

Wir befinden uns in einem öffentlichen «Technologie-Scharmützel». In der polarisierenden Diskussion geht es zunehmend darum, die Technologien gegeneinander auszuspielen.

Stil und Ton in dieser Debatte sind zu häufig ideologisch und faktenbefreit, vor allem aber ist sie gespalten. Zigfach werden Studien, welche die eigene Position stützen, als Standardwerk für jeden politischen Entscheider angepriesen. Mit geradezu genüsslicher Häme treten Kernkraftgegner Kosten- und Bauzeitüberschreitungen bei KKW-Neubauten, Drohszenarien rund um das Kernkraftwerk Saporoschje oder die Probleme in französischen Kernanlagen in der Öffentlichkeit als grundsätzliches Problem der Kernkraft breit. Garniert wird dies traditionell mit den Plattitüden zu Tschernobyl und Fukushima, dem (angeblich) ungelösten Abfallproblem und dem üblichen «Zu-teuer-und-zu-lange»-Argument.

Die andere Seite, die der KKW-Befürworter, ist häufig nicht besser: Erneuerbare liefern nur Flatterstrom und führen geradewegs in den Blackout. Videos von brennenden oder einstürzenden Windrädern oder durch Hagel zerstörte Solarparks werden leidenschaftlich auf Social Media geteilt, um die Untauglichkeit der erneuerbaren Energien zu belegen. Wirklich neu sind die Argumente beider Gruppen nicht, sie offenbaren aber tiefe Gräben zwischen beiden Seiten. Und sie bedienen leider das gängige technologische «Entweder-oder»-Klischee, das eine konstruktive Annährung der beiden Lager deutlich erschwert.

Das Ausland favorisiert eine «Sowohl-als-auch»-Energiestrategie
Dabei zeigt uns das Ausland wie eine «Sowohl-als auch»-Energiestrategie funktionieren kann: Schweden zum Beispiel (dessen Strommix übrigens mit dem der Schweiz vergleichbar ist) hat kürzlich seine Energieziele geändert: von 100% erneuerbar auf 100% fossilfrei – letzteres inkludiert auch die Kernenergie. Das klingt nach schlüssiger, konsequenter und technologieoffener Energie- und Klimapolitik. Vor allem aber ist das Beispiel Schweden stellvertretend für eine weit verbreitete internationale Entwicklung, bei der nämlich Kernenergie gemeinsam mit Erneuerbaren als Lösung betrachtet wird – ohne Denkverbote, ohne Ideologie, dafür mit einer klaren Zielfokussierung.

Gerade in Europa (aber nicht nur) planen immer mehr Länder mit Kernenergie, entweder die Ausweitung bestehender Kapazitäten oder den Atomeinstieg. Der endgültige Ausstieg Deutschlands darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Entscheidung international ein ziemlicher Alleingang war (wie auch jener der Schweiz). Auch wenn in vielen Ländern die Neu- oder Ausbauprojekte erst den Absichts- oder Planungsstatus erreicht haben, ist das Bekenntnis zur Kernenergie nicht zu übersehen. Und die meisten Länder planen darüber hinaus zusätzlich eben auch einen Ausbau der erneuerbaren Energien – Stichwort: Liebespaar! Die Frage muss trotz unterschiedlicher Rahmen- und Ausgangsbedingungen erlaubt sein: Machen es diese Länder alle falsch?

Was fällt noch auf? Es gibt in diesen Ländern nahezu keinen signifikanten öffentlichen Protest gegen diesen Weg. Im Gegenteil: In nahezu allen Umfragen verzeichnen auch die Befürworter der Kernenergie kräftig steigende Anteile – aber eben nicht auf Kosten der erneuerbaren Energien.

In der Schweiz kann man sich auf die vom Volk beschlossene Energiestrategie berufen, welche den Ausstieg aus der Kernenergie und die Stromversorgung zu 80% aus erneuerbaren Energien vorsieht. Das ist ein Standpunkt, der überzeugen könnte, weil ihm die höchste demokratische Entscheidungsgewalt zugrunde liegt. Daraus aber abzuleiten, dass die Diskussion um die Kernenergie sofort zu beenden sei, findet in der Öffentlichkeit aber offenbar kein Gehör.

Welche Blüten diese Fokussierung auf bestimmte Technologien (statt auf ein generelles Energieziel) treibt, ist offensichtlich: Am 18. Juni 2023 hat das Stimmvolk beschlossen, dass die Schweiz bis 2050 klimaneutral werden soll. Knappe sechs Wochen später hat die Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom) vorgeschlagen, dass die Schweiz zur Vermeidung von Stromengpässen gerade im Winter thermische Reservekraftwerke – die mit Gas oder Öl betrieben werden – im Umfang von bis zu 1400 MW aufbaut. Bei der definitiven Ausserbetriebnahme der Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt könnte dieser Bedarf an Reservekapazität noch ansteigen. Das macht deutlich, wie wichtig der Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke in der Schweiz ist. Im Umkehrschluss heisst das aber auch, dass die Schweiz zumindest ohne Kernenergie in die fossile Stromproduktion einsteigen müsste und damit die Klimaziele vermutlich obsolet machen würde. Wo bleibt hier der Aufschrei der Klimaschützer?

Ideologisch geprägte Technologie-Diskussion trübt den Blick
Das derzeitige Neubauverbot für Kernkraftwerke in der Schweiz kommt einem Technologieverbot gleich, welches auch auf Umfang und Schwerpunkte der Kernenergieforschung Auswirkungen hat. Diese dient auch dem nuklearen Kompetenzerhalt in der Schweiz, auf den wir auch im Hinblick auf den mittlerweile nahezu unumstrittenen Langzeitbetrieb der bestehenden KKW angewiesen sind. Wichtiger als die Frage, ob das Neubauverbot aufgehoben werden sollte, ist eher, ob die Schweiz künftig auf die Nutzung der Kernenergie verzichten kann. Dabei muss deutlich gemacht werden, dass die Abkehr vom Neubauverbot nicht gleichzeitig den Bau von neuen Kernkraftwerken in der Schweiz zur Folge hätte. Das ist im Moment aus mehreren Gründen sogar ziemlich unwahrscheinlich. Es würde aber zumindest die Möglichkeit eröffnen, sich mit neuen nuklearen Technologien oder Reaktortypen und ihrer Nutzung in der Schweiz gedanklich überhaupt konstruktiv auseinanderzusetzen und in mögliche Szenarien einzubeziehen. Daher darf die Frage erlaubt sein: Was sind die Befürchtungen der AKW-Gegner bei einer Aufhebung des Neubauverbots? Wenn die erneuerbaren Energien wie angepriesen der Kernenergie in nahezu allen Belangen überlegen sind, wird niemand auf die Idee kommen, ein neues Kernkraftwerk zu bauen. Es wäre aber zumindest eine Option. Auf der anderen Seite müsste die Nuklearindustrie liefern, sie würde an ihren Versprechen hinsichtlich Sicherheit, Kosten und Bauzeit gemessen.

Es scheint, als hätten wir uns bei der Stromfrage in einer ideologisch geprägten Technologie-Diskussion verrannt, bei der die Fronten verhärtet sind und die den Blick auf das eigentliche Ziel trübt. Es wäre wünschenswert, dass beide Seiten wieder zu einem konstruktiven und faktenorientierten Dialog zurückkehren: Zuhören, Abwägen und die Scheuklappen ablegen. Dann wird vielleicht der eine oder andere merken, dass erneuerbare Energien und quasi immer verfügbarer Strom aus Kernenergie nicht im Wettbewerb miteinander stehen. Mit der Kombination dieser Energiequellen steht die Schweiz weltweit auf einem Spitzenplatz bei der sicheren, klimafreundlichen und bezahlbaren Stromversorgung. Erneuerbare Energien gegen Kernenergie ist der falsche Streit.

Verfasser/in

Stefan Diepenbrock, Leiter Kommunikation, Nuklearforum Schweiz

Quelle: Nuklearforum

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