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Die Schweiz und Deutschland verschlafen die Renaissance der Kernkraft

NZZ. Nie in den letzten 15 Jahren war die Unterstützung für die Kernkraft grösser – zumindest in Schweden. Laut einer Umfrage sind 59 Prozent der dortigen Bürger einverstanden, dass, falls nötig, neue AKW gebaut werden. Weitere 26 Prozent sind dafür, die bestehenden Kernreaktoren am Netz zu lassen.

Neben dem drohenden Strommangel und dem starken Ausbau der Solarenergie ist die Renaissance der Atomkraft wohl die wichtigste energiepolitische Entwicklung des zu Ende gehenden Jahres. Jüngst hat sogar Japan, wo sich vor elf Jahren die Kernschmelze im AKW Fukushima ereignet hatte, seinen Kurs geändert. In Nippon sollen bestehende Reaktoren bis zu 70 Jahre am Netz bleiben und neue gebaut werden.

«Keine Durchbrüche zu erwarten»

Ein Umdenken findet auch in Polen mit seinen vielen Kohlekraftwerken statt. Polen hat kürzlich bei der amerikanischen Firma Westinghouse drei Kernreaktoren bestellt, die 15 Prozent des Stroms produzieren sollen. Auch die Niederlande planen zwei AKW, die 2035 ans Netz gehen sollen. In den USA schliesslich geniesst die Kernkraft Unterstützung in beiden politischen Lagern. Entscheidend für den staatlichen Support ist, dass eine Technologie CO2-arm ist.

In der Schweiz und in Deutschland stehen dagegen ideologische Vorbehalte einer Neubewertung der Kernenergie im Weg. Dabei hat in Deutschland die Chefin der Wirtschaftsweisen die Regierung soeben eindringlich dazu aufgefordert, die drei verbliebenen AKW auch in den nächsten Jahren am Netz zu halten. In der Schweiz gibt es zwar keine Altersguillotine für AKW, aber neue Meiler dürfen nicht gebaut werden. Den entsprechenden Artikel hatte der Souverän 2017 im Verbund mit dem neuen Energiegesetz angenommen.

Doch die Situation hat sich geändert. Es ist wohl kein Zufall, dass in Europa – mit Ausnahme des Wasserkraft-Landes Norwegen – diejenigen Länder CO2-armen Strom produzieren, die wie die Schweiz, Schweden, Finnland oder Frankreich zu einem guten Teil auf Kernkraft setzen. Noch im Februar, kurz vor dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine, stellte Bundesrätin Simonetta Sommaruga die Pläne für Gaskraftwerke vor, die im Winter Strom liefern sollen, wenn Sonne und Wind während Tagen fast ausfallen. Diese Strategie ist durch den Krieg erschüttert worden.

Beim Bundesrat sieht man jedoch keine Notwendigkeit für eine Neuausrichtung, obwohl sich in der Entwicklung der Nukleartechnologie gerade einiges tut: «Das Monitoring der Kerntechnologie zeigt, dass in absehbarer Zeit keine Durchbrüche zu erwarten sind, die das im Gesetz verankerte Verbot für neue Kernkraftwerke infrage stellen», heisst es im ersten Fünfjahresbericht zur Energiestrategie. Kein Wunder, dass in der Schweiz die Erforschung der Kernenergie nur noch auf niedrigem Niveau weitergeführt wird. Wäre da nicht noch das Masterstudium für nukleare Sicherheit an der ETH, gäbe es gar keinen Nachwuchs an Spezialistinnen und Spezialisten mehr.

Technologieoffenheit als Worthülse

An Instituten wie dem Energy Science Center der ETH wird vor allem erforscht, wie ein Energiesystem ohne Kernkraft aussehen könnte. Vielleicht wäre auch einmal eine Studie angezeigt, die die Möglichkeiten der Kernkraft für die Schweiz auslotet.

Gewiss, einen Blankocheck darf es für keine Technologie geben. Kosten- und Zeitüberschreitungen neuster Kernkraftprojekte und die Ausfälle in Frankreich sind kein Ruhmesblatt für die Behörden und die Branche. Aber ist etwa die Hoffnung auf eine Wasserstoffwirtschaft so viel realistischer als der Bau neuer AKW?

Die meisten Industrieländer wollen bis 2050 klimaneutral werden. Auf dem Weg dorthin eine zentrale Quelle von CO2-freiem Strom auszuschliessen, war ein Entscheid, der nach Fukushima emotional vielleicht nachvollziehbar war. Doch Länder wie Schweden oder Japan entdecken gerade die Vorteile der Kernkraft neu. Der neue Bundesrat Albert Rösti sollte jedenfalls Impulse setzen, damit «Technologieoffenheit» für die Schweizer Klimapolitik keine Worthülse bleibt.

Quelle: NZZ

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