«Qualität ist kein Merkmal, sondern eine Haltung.»

Andreas Glitsch, Senior Manager

Aktuell

Consenec Impuls im Segelhof, Dättwil

«Consenec Impuls»: Müssen wir uns warm anziehen?

Am Consenec Impuls in Dättwil ging Energieexperte Samuel Leupold  auf die Frage ein, ob sich die Schweiz bald mit einer Energiemangellage konfrontiert sieht. Diesen Winter wohl noch nicht. Aber …
 
In diesem Winter droht in der Schweiz – und weiten Teilen Europas – eine Energiemangellage. Deshalb lancierte der Bundesrat Ende August eine Energiespar- und Sensibilisierungskampagne und gab für den Energieträger Erdgas ein Sparziel von 15 Prozent vor. Wobei nach jüngsten Einschätzungen der Regierung die Strom- und Gasversorgung in den kommenden Monaten nicht gravierend gefährdet sein soll.
 
Ehemaliger ABB-Manager
Samuel Leupold ging in seinem Referat auf internationale Zusammenhänge und einen längeren Zeitraum ein – bis 2050, das Jahr, auf das sich auch die Schweizer Energiestrategie bezieht. Leupold – Verwaltungsrat des Energiekonzerns Enel, früherer CEO von Ørsted Wind Power und ehemaliger Manager bei ABB Power Generation – zeichnete ein wenig rosiges Bild der Energiezukunft.
 
 

Samuel Leupold im grossen Auditorium des ABB-Standorts Segelhof in Dättwil am 15. November.

Trends sprechen gegen Versorgungssicherheit
Der globale Energiehunger wachse ungebremst, gesamthaft wohl um 50 Prozent bis 2050. Für Europa sieht er in der Produktion drei Trends, die zusätzliche Herausforderungen darstellen. Mit dem Klimawandel werde Südeuropa trockener und könne damit weniger auf Wasserkraft setzen. Die grosse installierte Basis von Kernkraftwerken in Frankreich kommt ans Ende ihrer technischen Lebensdauer; unklar, ob sie ersetzt werden. Und die Abkopplung von der Gasversorgung durch Russland dürfte endgültig sein. Die Versorgung durch Flüssiggas (LNG) ist in weiten Teilen Europas aufwändig beziehungsweise mit hohen Kosten verbunden.

Die echten Probleme kommen erst noch
Zur aktuellen Diskussion um die Energiemangellage meinte er: «Für die Schweiz hat das Problem noch gar nicht richtig begonnen.» Effizienzgewinne werden durch das Bevölkerungswachstum in der Summe zunichtegemacht. Der Zubau an Wärmepumpen als Ersatz für Öl- und Gasheizungen steigert den Stromverbrauch, desgleichen die boomende Elektromobilität. Auf der Erzeugerseite muss die Schweiz gesamthaft rund 23'000 Gigawattstunden jährlich kompensieren, wenn die drei verbliebenen Kernkraftwerke ausser Betrieb gehen.

Wie lange werden die Kernkraftwerke betrieben?
In der Schweiz gibt es keine Laufzeitbeschränkung für KKWs. Sie dürfen so lange betrieben werden, wie sie als sicher gelten. Doch bei einer einigermassen realistischen Betriebsdauer von maximal 60 Jahren würde Leibstadt als letztes KKW 2044 vom Netz gehen.

Im Winter sind die Tage nun einmal kürzer, ist der Sonnenstand tiefer
«Das wird im Winterhalbjahr zu einem echten Problem», so Leupold. Für die Nutzung von Windenergie hierzulande sieht der frühere Chef eines Offshore-Windenergie-Unternehmens wenig Potenzial. Für Photovoltaik hingegen schon, wobei deren Realisierung noch langsam vorangehe. Selbst bei einer Verdoppelung der jährlichen PV-Installationen werde die Schweiz im Winterhalbjahr eklatant von Importstrom abhängig sein, weil der jährliche Ertrag an Solarenergie nur zu gut einem Viertel im Winterhalbjahr anfalle.

Der Vortrag zum aktuellen Thema weckte reges Publikumsinteresse.

Nachbarn haben selbst Herausforderungen zu meistern
«Wer soll uns dann mit elektrischer Energie beliefern?», so Leupolds rhetorische Frage. Italien und Österreich sind im Winter selbst auf Importe angewiesen. Frankreich müsste seine Kernkraftwerke ersetzt haben, was im erforderlichen Umfang nicht absehbar sei. Und Deutschland wird dann selbst mit dem Problem konfrontiert sein, die Bandenergie der ausser Betrieb genommenen Kern- und Kohlekraftwerke zu ersetzen.

Speicherung aufwändig
«Ja, wir könnten Gasturbinenkraftwerke bauen. Aber woher beziehen wir das Gas dafür? Und wie kompensieren wir den CO2-Ausstoss?» Die sommerliche Überschussenergie in Batterien zu speichern sei illusorisch. Speicherung in Wasserstoff ist ineffizient. Mögliche Standorte für weitere Pumpspeicherkraftwerke sind rar, deren Bau teuer.

Provokante Vorschläge
Sein kurzweilig vorgetragenes Referat schloss er mit durchaus provokanten Vorschlägen ab, wie dieser prognostizierten Winterstromlücke zu begegnen sei. Etwa, dass Bevölkerungswachstum und Ressourcenverfügbarkeit im Gleichgewicht gehalten werden sollen – sprich die Zuwanderung zu begrenzen. Oder zwei neue KKW als Grundlastkraftwerke zu bestellen – was mit der Annahme der Energiestrategie 2050 derzeit verboten ist. Man darf gespannt sein, wie sich die Diskussion um die Schweizer Energiezukunft gestalten wird.

Seine Vorschläge präsentierte er mit einem Schuss Selbstironie, gewissermassen als «Till Eulenspiegel».

 

Video auf Youtube «Publikumsfragen an Samuel Leupold».