«Wenn wir die richtigen Fragen stellen, kommen wir zu den richtigen Lösungen.»

Peter Hansen, Senior Manager

Aktuell

Consenec Impuls im Trafo Baden

Die Zeitungslandschaft schrumpft und Social Media boomt

«Wer liest denn heute noch Zeitung?» lautete das Thema der Consenec- Impulsveranstaltung vom Donnerstag, den 18. November 2021. Der Mediensoziologe Linards Udris vermittelte Einblicke in die Mediennutzung der Bevölkerung. Er zeigte anhand aktueller wissenschaftlicher Studien auf, wie sich der Konsum weg von Print und linearem Fernsehen hin zu digitalen Plattformen bewegt. Und welchen Einfluss dies auf den Qualitätsjournalismus hat, der in einer Demokratie wichtig – und (noch) vorhanden sei.

 Referat auf Youtube anschauen

«Wer von Ihnen liest denn noch Zeitung?» fragte Linards Udris zu Beginn seines Referats das zahlreich anwesende Publikum im Badener Trafo. Und sah, wie sich viele Arme in die Höhe reckten. «Und wer informiert sich im Internet?» Es waren fast so viele. Wer liest denn heute noch Zeitung: «Hinter dieser einfachen Frage steht jene nach dem grundlegenden Medienwandel – also, wo und wie wir uns informieren», sagte der Mediensoziologe. Dahinter stehe die noch grössere Frage, «wer unsere Öffentlichkeit prägt». Dies sind laut Udris Alphabet, die Mutterfirma von Google und YouTube und Meta, also Facebook, Instagram oder WhatsApp. «Diese Organisationen prägen ganz entscheidend unsere Infrastrukturen und den Zusammenhang zwischen der Mediennutzung, der Finanzierung des Journalismus und der Qualität des Angebots.» Aufgrund wissenschaftlicher Studien des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich beziehungsweise des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) ging Udris detailliert auf diese Aspekte – Mediennutzung, Finanzierung und Qualität –ein.

Google und Facebook dominieren und kontrollieren den globalen Medienkonsum.

Mediennutzung und der Generationen-Gap

Sich durch Printmedien und – lieber noch – mit linearem Fernsehen seriös recherchierte Informationen beschaffen und dafür bezahlen: Für die Generation 50plus ist dies noch immer angesagt. Wenn auch die Ü-50er immer öfter auch online News konsumieren und sich auf sozialen Medien austauschen, holen manche von ihnen gern frühmorgens die Zeitung aus dem Kasten oder hören sich am Radio Hintergrundsendungen an, und über 40 Prozent setzen sich beispielsweise für die Tagesschau vor den Fernseher.

Nicht so die jüngeren Generationen. «Von den 18- bis 24-Jährigen sagen lediglich 10 Prozent, dass sie sich hauptsächlich durchs Fernsehen informieren», stellte Linards Udris fest. Für mehr als einen Drittel der jungen Leute sei Social Media die Hauptinformationsquelle. Also Fernsehen für die Alten, Social Media für die Jungen: «Aus der Forschung wissen wir, dass sich das weiter fortschreiben wird», so Udris. Wer heute hauptsächlich soziale Medien nutze, werde dieses Verhalten auch mit zunehmendem Alter nicht ändern. Immerhin werden auch News-Apps – also Online-Zeitungen – fleissig genutzt, und zwar von allen Generationen.

Fakten gegen Fake news: Es braucht ihn doch, den klassischen, investigativen, fundierten Journalismus.

Nebenbei noch ein paar News

Informationen werden laut Udris weniger gezielt als eher beiläufig beschafft. «News-Deprivierte» nannte er die – nach neusten Umfragen grösste – Usergruppe von Medien. Diese Gruppe nutzte kaum öffentliches Fernsehen, weder Printmedien noch Apps von Abozeitungen. Wenn sie sich informieren, dann am ehesten mittels Gratiszeitungen oder Social Media. Social Media sind laut Udris «ein Umfeld, in dem es Nachrichten schwierig haben, sich zu verbreiten».  Hier dominieren Soziale Kontakte und Unterhaltung. Die User gehen davon aus, dass sie schon erfahren, wenn sich etwas Wichtiges ereignet hat. Hier kommen die – zumeist auf Emotionen aufbauenden – Algorithmen zum Tragen, die den Informationsfluss auf den Plattformen steuern.

Linards Udris bietet spannende Einblicke in aktuelle Studien bezüglich des sich rasant wandelnden Medienkonsums.

Infos sollen möglichst wenig kosten

Informationen sind zunehmend weniger wichtig. Und damit weniger wert. Laut Udris ist die Zahlungsbereitschaft im Onlinebereich, wo sich immer mehr Schweizer und Schweizerinnen bewegen, extrem tief. «Nur 17 Prozent sagen, dass sie im letzten Jahr für Online-News etwas bezahlt haben.» Also etwas mehr als in Deutschland, aber viel weniger als zum Beispiel in Skandinavien. Weshalb zahlen, wenn man etwas gratis haben kann? Leute mit dieser Einstellung wären am ehesten bereit, eine – günstige – Flatrate zu entrichten, mit der man möglichst viele Angebote nutzen kann. «Eine schlechte Entwicklung für die Medienhäuser», sagte der Referent, «denn das bedeute, dass im Onlinebereich nicht genug Geld generiert werden kann.» Dies sei einer der Gründe, weshalb die Abopreise für gedruckte Zeitungen in den letzten Jahren stark gestiegen sind – um den Online-Journalismus zu subventionieren.

Auch bei den Werbeeinnahmen sehe es im Schweizer Journalismus nicht gut aus – im Print- wie im Onlinebereich. «Während hierzulande der Kuchen immer kleiner wird, fliesst der allergrösste Teil der weltweiten Online-Werbeeinnahmen zu Google und Facebook.»

Medienkonzentration schwächt publizistischen Wettbewerb

Laut Udris «ist die Bevölkerung einer Demokratie für die Meinungsbildung auf sachliche und fundierte Berichterstattung angewiesen». Doch was können Medien leisten, wenn sich Strukturen dauernd verschlechtern? Der Referent wies darauf hin, dass Medien zunehmend zusammenspannen und Inhalte teilen müssen. Und dies schwäche den publizistischen Wettbewerb. Und trotzdem: «Die Medienqualität ist bei mehreren Medien noch relativ gut.»

Dies ist laut Linards Udris das Resultat einer Inhaltsanalyse von rund 60 Medientiteln und rund 19 000 Beiträgen. Am besten schnitt das Radio mit den Infosendungen auf SRF, RTS und RSI ab, gefolgt vom öffentlichen Fernsehen, den Sonntags- und Abonnementszeitungen. Am Schluss der Rangliste figurieren die Pendler- und Boulevardzeitungen. In der Folge ging der Referent auf detaillierte Beispiele ein und zeigte zum Beispiel einen Lerneffekt auf in der Berichterstattung rund ums Thema Corona.

Eine Lanze für den Journalismus

Eine weitere Untersuchung hat gezeigt, dass man sich auch heute für wichtige Informationen auf die professionellen Medien verlässt. Laut Linards Udris «ein wichtiger Befund, der zeige, dass es den Journalismus braucht. «Wir alle sind Kinder der Aufklärung und haben Interesse an einer funktionierenden Öffentlichkeit. Journalismus kann und muss man leisten – davon profitieren Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.»

Spannung vor der Diskussion: Ingo Fritschi, Geschäftsführer Consenec, im Gespräch mit dem Referenten, Mediensoziologe Linards Udris.

Dem informativen und spannenden Referat folgte eine angeregte Frage- und Antwortrunde, bevor Gastgeber Ingo Fritschi zum Apéro lud – wo der Referent den Mitarbeitenden und Kunden der Consenec noch lange Red und Antwort stand.

Therese Marty

 Fragen an Dr. Linards Udris auf Youtube anschauen